Märkische Oderzeitung 07.05.1998

32 Maurer-Lehrlinge lernen bis Ende Mai in Porto, Portugal
„Die Burschen stehen ihren Mann"
Projekt wird vom Europäischen Bildungswerk gefördert / Ziel: Arbeit mit dem Naturstein

Von unserem Mitarbeiter JÖRG KOTTERBA

Montag in aller früh gingen 32 Lehrlinge des Überbetrieblichen Ausbildungszentrums (ÜAZ) Bauwirtschaft auf große Tour. Das Reiseziel: Porto, Portugal. „Dort werden sich die künftigen Maurer bis zum 29. Mai aufhalten, viel von Land und Leuten sehen, aber vor allem an der Arbeit mit Naturstein geschult", so ÜAZ-Chef Walter Jahn. Organisiert und zum großen Teil finanziert wurde das Projekt vom Europäischen Bildungswerk mit Sitz in Potsdam.
Andreas Jordan ist mit 17 das Küken in der Runde. Ein paar Tage im April haben er - der Maurerlehrling im ersten Lehrjahr - und seine Kumpel Marco Kultus und Karl-Henry Freitag mit Maria Merkel Portugiesisch gebüffelt. Maria ist gebürtige Brasilianerin, jetzt in Deutschland verheiratet, Dozentin. ,,'Ne Cola bestellen kann ich in der Landessprache schon", meinte Andreas zurückliegende Woche stolz. Er freute sich wenige Stunden vor der langen Fahrt „mächtig gewaltig" auf die 2700-km-Reise Richtung Süden. „Mir ist doch klar", sagte der lang aufgeschossene Bursche nachdenklich, „daß ich viel eher einen sicheren Job auf dem Bau bekomme, wenn ich qualifizierter als manch anderer bin."Neugierig ist Andreas vor allem auf die ihm unbekannte Technologie der Granitbearbeitung, auf die Gestaltung von Oberflächen, auf die Sanierung der Natursteine. „Mein Onkel, der seit über 30 Jahren Maurer ist, war von diesem Projekt genauso begeistert wie ich. Spontan meinte er: Granitbearbeitung? Das ist deine Chance, Junge!"
Ein Kurs, der sich „Steinbearbeitung und Kunst" nennt, wird vor Ort gemeinsam mit portugiesischen Lehrlingen durchgeführt. Das stadteigene Ingenieurbüro für Sanierung leitet die Arbeiten, wird auch Restaurierungs-Technologien von Holz-und Steinplastiken zeigen. „Die portugiesischen Azubis erlernen bereits im zweiten Lehrjahr die Produktion von Tischen, Stühlen, Bänken und Geländern aus Granit. Der wird in ihrem Land ja bekanntlich tonnenweise abgebaut", berichtet ÜAZ-Chef Walter Jahn. Er ist gespannt, wie geschickt sich seine Jungs bei diesem Material anstellen.
Die Cooperativa dos Pedreiros, die Kooperative der Steine, wird in Porto regionale Sanierungs- und Restaurationsprojekte vorstellen. Landeskundliche Vorträge halten Professoren und Dozenten der dortigen Universität. Deshalb war sich Walter Jahn schon vor der Reise ziemlich sicher: „Die Horizonte der ÜAZ-Lehrlinge werden in Porto nicht nur in beruflicher Hinsicht erweitert."Ziel des Austauschprojektes ist es auch, die Toleranz der Jugendlichen gegenüber anderen Denk- und Lebensweisen zu fördern und zum Abbau von Ausländerfeindlichkeit beizutragen.
250 Mark hat jeder der 32 Azubis für diese Reise aufbringen müssen - ein Bruchteil der Gesamtkosten, erzählt Frank Kranz. Der 38jährige ist Lehrmeister im Ausbildungszentrum, hat die Klasse 741 unter seinen Fittichen - und begleitet seine Schützlinge. „Wir haben lange über das Ziel dieses Projektes diskutiert. Die Burschen werden in Porto ihren Mann stehen", meinte er kurz vor der Abfahrt.
Ihren Mann stehen sollen die Porto-Reisenden freilich auch beim Besuch der Firma Sandemann. Der weltbekannte Sherry-Produzent hat die ÜAZ-Lehrlinge zur Besichtigung ihrer Weinkeller eingeladen - Mit Verkostung.


Klar für die Abreise. Wenige Stunden vor der großen Fahrt wurde dieses Foto „geschossen". Die Azubis des ÜAZ kamen gerade von ihrem Sprachlehrgang.