BRAVO – Thema der Woche 29.01.2006
Sprungbrett Auslandspraktikum
Wer nach seiner Ausbildung ins Ausland geht, erhöht seine Chancen auf
dem Arbeitsmarkt
Havelland (uk). Julia Strahlendorf aus Nauen ist
gelernte Bürokauffrau. Im Sommer 2004 beendete die heute 20-jährige
ihre Ausbildung beim „Zukunftsbündnis Aus- und Weiterbildung im
Handwerk“ (ZAH) e.V. in Potsdam. „Eigentlich wollte ich noch weiter
zur Schule gehen und mein Abitur machen. Doch leider reichten dafür meine
Noten nicht aus.“ Also machte sie sich auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz,
den sie mit Glück in Potsdam auch „relativ schnell bekam.“
Zweimal in der Woche fuhr sie zum Theorieunterricht von Nauen an das Oberstufenzentrum
Potsdam, dreimal wöchentlich arbeitete sie im Büro des ZAH-Vereins.
Dort erledigte die junge Frau anfallende Arbeiten wie Faxen, Kopieren, Briefe
schreiben und Telefondienst, erlernte Computerprogramme, studierte Rechnungswesen
und Buchhaltung und betreute Kunden. Ihre Ausbildung schloss Julia vor eineinhalb
Jahren erfolgreich ab; Seitdem sucht die Nauenerin einen festen Arbeitsplatz.
„Zwischendurch machte ich ein Praktikum als Bürokauffrau bei einer
Veranstaltungsfirma in Berlin und bei einem Autohaus in Nauen.“ Einen
Job fand Julia trotzdem nicht.
„Dann rief mich eines Tages meine ehemalige Chefin aus Potsdam an und erzählte mir vom Europatag in Götz“, erinnert sich Julia Strahlendorf. „Sie riet mir, dort mal vorbeizuschauen, weil auf der Messe verschiedene Förderprogramme für junge Leute vorgestellt werden sollten.“ Gesagt, getan. Im Juni vorigen Jahres fuhr Julia nach Götz. Im Gespräch mit einem Firmenchef erfuhr die Nauenerin, dass Bewerber mit Auslandserfahrung Vorteile bei der Jobsuche haben. „Er erzählte, dass er sich, wenn er als Chef 50 Bewerbungen auf dem Tisch hat, vor allem für jene interessiert, die schon mal außerhalb Deutschlands ein Praktikum absolviert haben“, erinnert sich Julia Strahlendorf. Das habe ihr zu Denken gegeben, und weil sie sowieso mal gern ins Ausland wollte, meldete sie sich noch am gleichen Tag für ein Praktikum in Italien an. „Die Programme für diese Praktika hatte die Handwerkskammer Potsdam vorgestellt.“
Über das Leonardo-da-Vinci Programm der Europäischen Union bietet die Handwerkskammer Potsdam seit fünf Jahren arbeitslosen brandenburgischen Jugendlichen mit abgeschlossener Berufsausbildung die Möglichkeit, in der Stadt Vicenza in Oberitalien oder im niederländischen Rotterdam in kleinen und mittelständischen Unternehmen ein Betriebspraktikum zu absolvieren. „Diese dauern drei Monate und sind mit einem vorherigen Sprachkurs vor Ort verbunden“, erläutert Katja Berkholz, Ansprechpartnerin für das Programm bei der Handwerkskammer in der Landeshauptstadt. Ziel des Leonardo-Programms ist es, den jungen Handwerkern mit einem Auslandspraktikum ein Sprungbrett ins Berufsleben zu bieten, sprich, ihre Chancen auf. dem Arbeitsmarkt zu verbessern. „Daneben sollen sie natürlich wichtige Erfahrungen in der betrieblichen Praxis sammeln, ihre Persönlichkeit entwickeln, lernen, schwierige Situationen zu meistern und mit jungen Leuten anderer Länder Kontakt aufnehmen“, beschreibt Katja Berkholz. Persönliche Voraussetzungen, die jeder Bewerber mitbringen sollte, sind das Interesse fürs Ausland sowie eine Fremdsprache, Teamfähigkeit, Offenheit, Neugier, Anpassungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen, Kritikfreudigkeit und eine gewisse Abenteuerlust. Katja Berkholz: „Vor Ort kommen die Praktikanten in Gastfamilien oder Wohngemeinschaften unter und werden von einer Partnerorganisation betreut.“
Der Sprachkurs, der dem Betriebspraktikum vorausgeht, soll Verständigungsprobleme lösen. „Dem Kurs schließt sich ein Vorstellungsgespräch an, in dem der italienische oder niederländische Betrieb entscheidet, wer gut zu ihm passt oder nicht. Je nach dem, welche Arbeiten der Praktikant dort erledigen muss.“ Julia Strahlendorf hatte während ihres Praktikums vom 25. September bis 17. Dezember 2005 bei einer großen Speditionsfirma in Vincenza so gut wie keine Probleme. „Schwierig wäre es geworden, wenn ich auf italienisch hätte Briefe schreiben oder telefonieren müssen.“ Stattdessen erledigte sie typische Büroarbeiten, schrieb Mails und half bei der Organisation von Weihnachtsveranstaltungen. Ihre italienischen Mitarbeiter, hat Julia als freundlich und hilfsbereit in Erinnerung. „Als ich mal mit heftigen Zahnschmerzen zur Arbeit kam, ließ die Chefin ihren Stift fallen, packte mich ins Auto und fuhr mit mir zum Arzt.“ Obwohl die Italiener mit Julia sehr zufrieden waren, hatte sie nicht das Glück, dort auch übernommen zu werden. „Wenn ich ehrlich bin, wollte ich das eigentlich auch nicht. Ich suche in Deutschland einen Job.“
Wie Julia Strahlendorf entschieden
sich seit dem Jahr 2000 bis heute insgesamt 178 brandenburgische Gesellen
oder Gesellinnen im Alter von 19 bis 30 Jahren über die Handwerkskammer
Potsdam für ein Betriebspraktikum in Italien oder den Niederlanden. Rund
40 Prozent von ihnen fanden danach dort auch eine Arbeit oder zogen später
dorthin.
Auch Michael Happatz aus dem havelländischen Priort nutzte das Angebot.
Der ausgebildete Maler und Lackierer ging vor zwei Jahren für drei Monate
nach Rotterdam und arbeitete dort als Praktikant von 7 bis 16 Uhr in einem
mittelständischen Malerbetrieb. „Mir hat es dort sehr gefallen,
deshalb habe ich auch nachgefragt, ob sie nicht einen Job im Betrieb für
mich haben“, so der 23-jährige. Leider seien alle Stellen besetzt
gewesen. „Ich sollte es später noch einmal versuchen.“ Zwischenzeitlich
arbeitete der junge Mann über eine Zeitarbeitsfirma in Bayern und Potsdam.
„Als ich mich in Süddeutschland bewarb, legte ich auch das Zertifikat
meines Auslandspraktikums bei. Später erzählte man mir, dass dies
sehr positiv angekommen ist.“ Im Moment hat Michael Happatz nicht wieder
vor, ins Ausland zu gehen. „Ich habe dank des Praktikums meine Geschicklichkeit
im Handwerk verbessert und hoffe nun, hier eine Arbeit zu finden.“
Dass Erfahrungen im Ausland bei Bewerbern gern gesehen sind, bestätigt auch Martin Brack, Leiter des Überbetrieblichen Ausbildungszentrums Brandenburg/Friesack. „Das signalisiert dem potentiellen Arbeitgeber, dass der Bewerber mobil, aufgeschlossen und neugierig ist.“ Das ÜAZ mit Ausbildungsstätten in der Stadt Brandenburg, Friesack, Perleberg und Werder bietet seinen Auszubildenden u.a. seit Ende der 90er Jahre Auslandsaufenthalte in Norwegen an. „Handwerksberufe wie Tischler oder Zimmerer sind dort sehr gefragt, weil dort 95 Prozent aller Häuser noch in Holzbauweise gebaut werden.“ Fachkräfte fehlten in Norwegen vor allem deshalb, weil Handwerksberufe nicht stark nachgefragt sind. „Für uns dagegen sind die Jobs dort sehr attraktiv, weil sie ausgesprochen gut bezahlt werden.“ In Norwegen hält das ÜAZ mit fünf bis sechs Betrieben, die Praktikumplätze anbieten, regelmäßigen Kontakt. Jährlich fahren rund acht ÜAZ-Lehrlinge, die mindestens im zweiten Ausbildungsjahr sein müssen, dorthin. Obwohl die Chancen auf einen Job nach einem Praktikum dort ausgesprochen gut sind, entscheiden sich von den acht Praktikanten im Jahr durchschnittlich nur zwei dafür, in Norwegen heimisch zu werden. „Allerdings gibt es natürlich einige, die erst später dorthin gehen, weil sie in Deutschland keinen Job gefunden haben oder keine Angst vor einem fremden Land mehr haben“, vermutet Martin Brack. Für die jungen Leute, die sich am ÜAZ unter anderem zum Holzmechaniker, Maler, Maurer, Gärtner oder Straßenbauer ausbilden lassen, sei so ein Aufenthalt im Ausland aber auf jeden Fall eine gute Sache. Martin Brack: „Sie bauen Schwellenängste und Sprachbarrieren ab, werden selbstsicherer und erlernen andere Techniken.“
Für Malermeister Dirk Ilmer aus Falkensee zählen vor allem die Leistungen des Bewerbers, wenn es um einen Ausbildungsplatz oder Job geht. „Mir sind seine Zensuren, seine Vorbildung und seine Ideen wichtig. Der persönliche Draht muss da sein. Wenn der Bewerber dann noch ein Auslandspraktikum gemacht hat, warum nicht.“ Er habe allerdings noch keinen Azubi mit Auslandserfahrung gehabt.
Manfred Poklitar, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Osthavelland sieht das Leonardo-Programm der EU mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Viele junge ausgebildete Menschen nutzen natürlich die Chance, im Ausland über ein Praktikum auch einen Job zu finden. Unseren Handwerksbetrieben, gehen diese Fachkräfte damit aber leider verloren.“ Andererseits werden Gesellen mit Auslandserfahrung auch gern genommen, „weil sie neue Ideen mitbringen, besondere Techniken beherrschen und ihr Wissen erweitert haben.“ Zudem sei es im Handwerk Tradition, auf „Wanderschaft“ zu gehen. Manfred Poklitar schätzt, dass von den 60 bis 70 Auszubildenden im Osthavelland, die jedes Jahr freigesprochen werden, etwa zehn bis zwölf Prozent in andere Bundesländer oder ins Ausland abwandern. „Dort sind oft auch die Verdienstmöglichkeiten sehr hoch.“ Für Kreishandwerksmeister Heinz Ziesecke hat ein Geselle mit einem Berufspraktikum im Ausland auf jeden Fall bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. „Das zeigt, dass er die Zeit der Arbeitslosigkeit sinnvoll genutzt und nicht nur zuhause gesessen hat.“ Heinz Ziesecke empfiehlt jungen Gesellen außerdem das Erlernen einer Fremdsprache, vielleicht arbeite ja der Betrieb, in dem er sich bewerbe, mit Firmen im Ausland zusammen. „Hinsichtlich des Auslandspraktikums wünschten wir uns allerdings mehr Interesse seitens unserer Handwerksgesellen.“ Weil viele junge Leute nach ihrer Ausbildung von Handwerksbetrieben nicht übernommen werden könnten, sei solch ein Auslandspraktikum neben der beruflichen Weiterbildung vor allem auch eine ausgezeichnete Möglichkeit, persönliche Erfahrungen zu sammeln, andere Menschen und deren Sozialverhalten kennen zu lernen. „Wer sich bei der Handwerkskammer für das Ausland bewirbt, sollte allerdings dieses Praktikum wirklich machen wollen, denn es kostet viel Geld.“
Im Osthavelland gab es im vergangenen Jahr 1335 Handwerksbetriebe mit insgesamt 6219 Arbeitnehmern. Mehr als die Hälfte der Betriebe hat allerdings maximal nur noch vier Mitarbeiter. Bundesweit liegt der Durchschnitt 7,6. 2005 konnten 150 Gesellen im Handwerk einen Ausbildungsvertrag unterschreiben 2004 waren es noch 185.
Hintergrund
Das Leonardo-Programm der EU mit Sprachkurs und Betriebspraktikum bietet die
Handwerkskammer Potsdam regelmäßig für die beiden Länder
Italien (Vicenza) und die Niederlande (Rotterdam) an. Die Praktika beginnen
in diesem Jahr ab September 2006 und dauern drei Monate. Zielgruppe für
das Programm sind arbeitslose Jugendliche, die gerade oder seit längerer
Zeit ihre Ausbildung erfolgreich beendet haben und vorzugsweise aus dem gewerblich-technischen
Bereich kommen. Über das Praktikum sollen sich die Jugendlichen weitere
Erfahrungen in der betrieblichen Praxis aneignen, eine andere Arbeits- und
Lebensweise kennen lernen, Kontakt zu jungen Leuten anderer EU-Länder
herstellen, die Chance auf einen Job im Ausland oder Deutschland bzw. generell
bessere Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt erhalten.
Kosten
In Rotterdam beginnen Sprachkurs und Betriebspraktikum am 17. September, in
Vicenza am 24. September 2006. Der Eigenbeitrag für das dreimonatige
Programm beträgt 400 Euro. Zu den Leistungen von Leonardo zählen
Hin- und Rückreise (Vicenza bis 261 Euro, Rotterdam bis 161 Euro), Sprachkurs,
Stipendium (ca. 120 Euro), Betreuung durch eine Partnerorganisation vor Ort,
Unfall-, Kranken- und Haftpflichtversicherung, Unterkunft sowie der Europass
als Nachweis.
Infos und Anmeldung: Zentrum für Gewerbeförderung in Götz der
Handwerkskammer Potsdam, Am Mühlenberg 15 in 14550 Groß Kreutz
(Havel). Ansprechpartnerin ist Katja Berkholz, Tel.: 033207/34315, Fax: 033207/34340
oder Email: katja.berkholz@hwkpotsdam.de.
Tipps
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung bietet Auszubildenden
über das Förderprogramm »Sprungbrett ins Ausland“ die
Chance auf einen Praktikumplatz in Europa. Die Höhe des Zuschusses für
mindestens drei Wochen Auslandsaufenthalt beträgt pauschal 350 Euro.
Der Azubi muss die Suche nach einem Praktikumplatz allerdings selbst in die
Hand nehmen, sich dazu die Einverständniserklärung seines Arbeitgebers
einholen, An- und Abreise organisieren.
Das Projekt “SESAM II“ für junge Handwerksgesellinnen und -gesellen ist ebenfalls ein Angebot des Bildungsministeriums. Es vermittelt seit 2001 auch Aufenthalte in Estland, Lettland, Polen, die Slowakei sowie Ungarn. Die jungen Handwerker müssen mindestens 18 Jahre alt sein und eine abgeschlossene Gesellenprüfung nachweisen. Das Praktikum mit vorbereitendem Sprachkurs dauert 32 Wochen. Bezuschusst werden der Sprachkurs in Deutschland oder im Ausland sowie die Reisekosten für Hin- und Rückfahrt. Zuständig ist die jeweilige Handwerkskammer. Weitere Infos: Stiftung SEQUA, Mozartstraße 4-10 in 53115 Bonn.
Auslandspraktika für Azubis fördert auch das
Brandenburger Arbeitsministerium im Rahmen des „berufsbezogenen internationalen
Jugendaustauschs“ (BIJ). Info: www.bij.de.
Weitere Adressen:
www.inwent.org: Infos
zu Organisation und Stiftungen, die Austauschprogramme anbieten.
www.zav.de: Angebote für Azubis der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung
www.rausvonzuhaus.de:
Praktikumstellen in Europa, und Übersee
www.dfjw.org: Praktika in französischen
Betrieben