Märkische Allgemeine vom 27.06.2006
Ganz oder gar nicht
Norwegen ist gelobtes Land für deutsche Auswanderer – jetzt auch
in einer Filmkomödie
JAN STERNBERG
FRIESACK/BERLIN • Mittagspause. Drei Bauarbeiter stehen an der Imbisstheke
und flirten mit einer jungen Norwegerin. „Du solltest Sängerin
werden!", sagt der eine. „Wie damals diese - wie hieß sie
noch - Wencke Möhre!". „Wencke Myhre", verbessert Anne
und lacht. Sie ist die Lehrerin der drei Männer. Denn die Bauarbeiter
sind arbeitslos. In Deutschland hoffen sie nicht mehr auf einen Job. Auf Druck
des Arbeitsamts lernen sie in einem „Integrationskurs" Norwegisch
um vielleicht in Skandinavien im Lohn und Brot zu kommen. Als Auswanderer.
Clemens Schönborn, ist zufällig in so einem Sprachkurs gelandet.
Auf Recherche für einen ganz anderen Stoff. Schönborn, Jahrgang
1967, ist Filmregisseur und Drehbuchautor. Er setzte sich zwei Wochen lang
zu den Bauarbeitern. Dramatik, das. Merkte Schönborn schnell, gibt es
dort genug: „Es geht um den Abschied von Deutschland, um den Punkt an
dem man im Leben ist, wenn man mit 30, 40, 50 Jahren noch einmal ganz von
vorne anfangen muss." Erst wollte er eine Dokumentation drehen. Doch
dann merkte er, dass hier keine frustrierten Globalisierungsopfer sitzen,
die alles über sich ergehen lassen, sondern Kämpfer mit Humor: „Ich
habe in dem Kurs erlebt, dass viele der Teilnehmer sehr komisch mit der Situation
umgehen." Clemens Schönborns Film, der gerade in Berlin abgedreht
wurde, ist nun eine Sozialkomödie geworden. Bisher konnten das nur die
Briten: Glanzlicht des Genres ist „Ganz oder gar nicht", der Film
über strippende Ex-Stahlarbeiter in Nordengland. Und eigentlich wunderte
man sich in der deutschen Dauerkrise, dass hiesige Filmemacher nicht längst
solche Stoffe entwickeln. Schönborn macht jetzt den Anfang. „19
gehen, einer bleibt", heißt der Arbeitstitel seines Films. Jürgen
Tarrach, Mario Irrek und Wolfram Koch spielen die Hauptrollen. Iren Reppen
aus Oslo ist die Darstellerin der Norwegischlehrerin Anne, die von den Bauarbeitern
mit Wencke Myhre verglichen wird. Deutsche Auswanderer gibt es inzwischen
viele in ihrem Land: „Wenn ich von Berlin nach Oslo fliege, sind viele
im Flugzeug, die gerade von einem Heimaturlaub kommen", erzählt
sie.
Der 23-jährige Martin Puppe hat sich gerade wieder auf den Weg nach Norwegen
gemacht. Für Ihn ist Realität, was Schönborn in seinem Film
darstellen will. Der junge Neuruppiner hat im vergangenen Jahr einen Sprachkurs
beim Bildungszentrum des Handels absolviert, war sechs Wochen zum Praktikum
im hohen Norden und hat jetzt einen Job gefunden: In einer Stahlbetonbau-Firma
in Hønefoss, einer Stadt in Südnorwegen zwischen Oslo und Bergen.
Gelernt hat er eigentlich Bau- und Möbeltischler, wollte aber mit seiner
Freundin zusammenziehen. Im Sprachkurs in Neuruppin haben sie sich kennen
gelernt, sie arbeitet jetzt in einem Hotel an der Rezeption. „Meine
Ex war nicht so dafür, dass ich da hochgehen wollte" sagt Martin.
„da ist sie auf der Strecke geblieben.“
Das klingt hart. Aber Martin hat keine Zeit für Sentimentalitäten.
Zwei lehren hat er „versaut, durch Drogen und was weiß ich noch
alles. Jetzt habe ich einen kompletten Schlussstrich gezogen und ganz von
vorne angefangen". Im Überbetrieblichen Ausbildungszentrum Friesack
lernte er bei Bernd Gensicke. Einem Meister mit ausgeprägtem Norwegen-Faible.
In der Werkstatt sammelt Gensicke seine Korrespondenz mit dem königlichen
Hof in Oslo - und kümmert sich um handfestere
Dinge: Seit 1997 fahren Friesacker Lehrlinge zum Praktikum nach Norwegen.
Damit
sie mal lernen, wie man sich als Ausländer fühlt. Und weil Norwegen
eine Chance ist für Facharbeiter, die in Ostdeutschland keiner haben
will. Auch Martin war dabei, und klammert sich jetzt verbissen an diese Chance.
Fünf Jahre will er auf jeden Fall bleiben, und dann mal sehen. „Meine
Heimat ist immer noch Deutschland. Ob ich auswandere, entscheidet sich in
fünf Jahren. "Zurück in Brandenburg, neben seinem Meister und
Mentor Gensicke, schwärmt er von seinem neuen Land: „Ich habe mich
da festgesetzt. Die Norweger freuen sich regelrecht, dich kennen zulernen,
die kennen meistens keine Ausländer."
Doch einfach hatte es auch Martin nicht: „Die ersten vier Wochen waren
hart. Zwei aus meinem Kurs in Neuruppin hatten Heimweh und sind zurückgegangen.
"Er hielt durch. Und inzwischen klappt es auch mit der Sprache - einigermaßen:
„Pakistani-Norwegisch" nennen die Einheimischen seine Versuche.
„Meine Satzstellung ist manchmal falsch. "Clemens Schönborns
Film wird mit der Abreise seiner Protagonisten enden. Die Hauptpersonen Silvio
(Mario Irrek), Micha (Wolfram Koch) und Norbert (Jürgen Tarrach) sind
älter und nicht alle so überzeugt wie der junge Martin. Am nächsten
kommt ihm vielleicht noch Micha. Der völlig auf Norwegen fixiert ist,
obwohl er noch nie dort war, der alle seine Hoffnungen auf die Auswanderung
setzt – und sich dann in die Imbiss-Bedienung Ella verliebt (Jenny Schily)
Silvio ist der Rebell im Kurs, der sich mit allem und jedem anlegt –
besonders mit Norbert. Der war mal selbständig, bis er seine Firma in
den Sand setzte. Aus der Konkursmasse hat er hauptsächlich die Chef-Allüren
gerettet.
Dass seine Frau und sein kurz vor dem Abitur stehender Sohn mit auswandern,
ist für den Patriarchen völlig klar. Dass beide keine Lust auf einen
Neuanfang verspüren, bekommt er gar nicht mit. Im Kurs wettert er gegen
Schwarzarbeiter, die die Preise verderben und so auch seine Klitsche auf dem
Gewissen haben. Dann aber ist er so klamm, dass er fragt: Sag mal, hast du
nicht irgendwo einen Job für mich - schwarz? Schauspieler Jürgen
Tarrach mag den Film für solche Szenen: „Das hat eine ganz eigene,
trockene Komik, diesen Menschen beim Scheitern zuzusehen." Über
einen wie Norbert lachen will dabei keiner.
Regisseur Schönborn und Produzent Ulrich Stiehm versuchen eben, keinen
düsteren Problemfilm zu drehen, keine gesellschaftspolitische These durchzudeklinieren,
sondern private, aktuelle Geschichten zu einer Komödie zu verdichten.
Sie hoffen auf das Max-Ophüls-Festival und die Berlinale im kommenden
Jahr. Vielleicht springt dort ein Kinostart heraus. Im Fernsehen wird die
Norwegen-Komödie auf jeden Fall gezeigt: Das
ZDF ist Koproduzent.
Wenn sie über den Film sprechen, fallen zwar Worte wie „Helden
der Arbeiterklasse" und „Vereinzelung durch Arbeitslosigkeit".
Doch wenn sie drehen, ist es eben Wencke Möhre. Warum sollten sie nicht
schaffen, was die Engländer können?