Märkische Allgemeine – Brandenburger Stadtkurier 1./2. Juli 2006
Maurer werden Mathe-Lehrer
In der Halle der Fliesenleger herrschte gestern
beim „Tag der Ausbildung" am Überbetrieblichen Ausbildungszentrum
(ÜAZ) der größte Andrang. Schüler frästen schwarze,
rote und goldene Fliesen und kachelten sie zu kleinen Deutschlandflaggen.
Damit ist die Begeisterung für die Fußball-WM und das deutsche
Team in der Havelstadt für die Ewigkeit dokumentiert. Gleichzeitig steigen
die Chancen, dass sich der ein oder andere Schüler für den Beruf
des Fliesenlegers begeistern wird.
Patrick Behr von der siebten Klasse der Oberschule Nord war so angetan, dass
er seine Mitschüler nach Hause ziehen ließ, um in aller Ruhe den
ÜAZ-Lehrlingen über die Schulter zu blicken. „Ich will Fliesenleger
oder Schreiner zu werden", sagte der junge Mann.
Uwe Behr, der Ausbilder der jungen Fliesenleger, hatte die Idee zu den steinernen
Deutschland-Flaggen. Er versteht es bestens, den Nachwuchs für sein Handwerk
zu begeistern. An der Wand der Halle hängt ein gekacheltes Tattoo. Ein
Lehrling, der sich für Tätowierungen begeistert, habe das Kunstwerk
auf seinem Oberarm auf eine zwei Quadratmeter große Platte in Mosaikform
übersetzt. „Man muss auf die Interessen der Jugendlichen eingehen",
empfiehlt Behr.
Er weiß genau, wie schwer die Lage für junge Handwerker ist. „Die
Betriebe, die ausbilden, sind seit 2001 weniger geworden", sagt Behr.
Der Grund ist die ausbleibende Konjunktur im Baugewerbe. Acht seiner 16 Lehrlinge
aus dem ersten Jahr hätten vergeblich einen Ausbildungsplatz bei einem
Betrieb gesucht. Sie machen derzeit eine so genannte überbetriebliche
Ausbildung. Das bedeutet, dass das Arbeitsamt die Lehre beim ÜAZ bezahlt.
Davon profitiert das ÜAZ. „Unsere Dienstleistung ist Ausbildung",
sagt Martin Brack, der Chef des ÜAZ. Er steht mit anderen Einrichtungen
im Wettbewerb um die Azubis, die die Arbeitsagentur vermittelt. Gestern vereinbarte
Brack eine Kooperation mit der berufsorientierten Schule Kirchmöser und
der Oberschule Brandenburg Nord.
Schüler werden künftig im ÜAZ praktische Matheaufgaben mit
den Handwerkern lösen, um zum Beispiel eine Mauer zu berechnen. „Maurer
wenden den Pythagoras-Satz täglich an“, erklärt Brack. Er
vermutet, dass sich dadurch die Mathematik-Noten der Schüler verbessern
werden.
Uc